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Bücher
Ein kleiner Junge stand während der Olympischen Sommerspiele 1980 täglich vor dem Fernseher, wartete täglich auf die Übertragungen aus Moskau. Die Fernsehzeitschrift war noch überschaubar, auf der linken Seite die ARD, rechts das ZDF und in der Mitte das 3.Programm. Zum Glück gab es auch noch das 4., den BR, sodaß der Montagabend mit Blickpunkt Sport immer gesichert war. Gut, die Spiele 1980 waren medientechnisch ein Reinfall, das konnte der kleine Junge noch nicht verstehen. Schon bei der Fußball-WM 1978 hatte er sich heimlich aus dem Bett geschlichen und beobachtete hinterm Sofa die Spiele der deutschen Mannschaft. Danach gab es andere Großereignisse, die Mini-Fußball-WM 1981 aus Südamerika, die Fußball-WM in Spanien, die Handball-WM 1982, die jährliche Eishockey-WM etc. Immer war er mit Begeisterung dabei, nur beim Skandalspiel Deutschland-Österreich '82 hatte er nicht das nötige Durchhaltevermögen um nach Horst Hrubeschs 1:0 mit dem Knie auch noch das gesamte Spiel zu verfolgen. Aber was tun, wenn keine Großereignisse stattfanden und die Langeweile in der nordhessischen Prärie zunahm? Genau, sämtliche Übertragungen, die als Sport verkauft wurden, nahm der Junge mit, wobei die alljährlichen Übertragungen zwischen den Jahren von der sogenannten "Fernseh-Schach-WM" mit den Großmeistern Dr. Helmut Pfleger und Vlastimil Hort sogar ein wirkliches TV-highlight waren, welches alle dritten Programme übertrugen. Der kleine Junge war mathematisch sehr begabt, deshalb war da auch ein gewisser Bezug zum Schach gegeben, aber er schreckte auch nicht vor den Kunstturnübertragungen oder den Weltmeisterschaften im Standardtanz oder auch den Meisterschaften der lateinamerikanischen Tänzer zurück. Gut, das waren nicht die Sahnestückchen, zu den Highlights zählten aber sicherlich die Übertragungen des alpinen Skirennzirkus ("wenn er es überleben tut, dann wird er nachher interviewt"), was u.a. später dazu führte, dass er nach Schulschluß direkt zum Elektrogeschäft in der Fußgängerzone rannte, um dort in der Kälte die Live-Übertragung zu verfolgen, während am Bahnhof die nächsten Busse nach Hause fuhren. Ein ganz besonderes highlight waren dann die olympischen Spiele 1984 (Anspieltip Randy Newman - I love L.A). Ferien, Zeitverschiebung, die Entscheidungen im Schwimmen und der Leichtathletik liefen so nachts um 2. So gegen 4 Uhr wurde es dann immer hart, denn dann begann das Kunstturnen und später das Fechten. Gut, der kleine Junge ist oft dabei eingeschlafen. Es war auch die Zeit, in der man die amerikanische Superserie "Cheers" unter dem Namen "Prost Helmut" in den deutschen Markt einführte. Hierbei ging es ursprünglich um einen alternden amerikanischen Baseballstar, der nach seinem Karriereende eine Bar aufmachte. Im ZDF hielt man es für nötig die Serie in der Weise einzudeutschen, indem man aus Sam Malone einen alternden Fußballspieler namens Hubert "Hubsi" Milbe machte. Hubsi war schon lustig, klar, und man weiß auch nicht, ob der kleine Junge um diese Korrektur wußte. Gleich in der 1. Folge ging es im übrigen um die Krise eines ehemaligen Leistungssportlers: ein alter Freund, ein Sportreporter (in der deutschen Fassung hieß er "Dieter") kam in die Kneipe, für ein Interview mit einem ehemaligen Star. Letzten Endes kam es dann nicht zum Interview, weil John McEnroe ganz kurzfristig zur Verfügung stand, außerdem war Hubsi ohnehin nur ein Notnagel, nachdem etliche andere Sportler abgesagt hatten. Was man alles aus einer scheinbar nur komischen Serie fürs Leben lernen kann! Auch in der ARD lief damals eine tolle Serie: "Magnum", dienstags ab 21:45Uhr, aber nur wenn "Dallas" im Urlaub war. Aber auch hier hat der kleine Junge wohl nicht mitbekommen, dass etliche Folgen um die Vietnam-Passagen gekürzt bzw. wegen dieser, für ein Unterhaltungsprogramm angeblich nicht passenden Passagen, gar nicht erst ausgestrahlt wurden. Das wollte man dem deutschen Volk nicht antun, aber der kleine Junge war sicher nicht der Einzige, der diese Manipulation nicht erkannt hat. 1983 wurde noch einmal ein neues Buch der Sportgroßereignisse aufgeschlagen, nämlich die 1. Leichtathletik-Weltmeisterschaft, damals in Helsinki. Bei der 2. WM, 1987 in Rom, naja, es war, glaube ich, so ziemlich das erste mal, dass eine "Unregelmäßigkeit" noch zeitnah zum Großereignis aufflog, nämlich die seltsamen Messungen beim Weitsprung der Männer. Standard waren für den kleinen Jungen auch immer die Radioübertragungen, selbstverständlich die wöchentlichen Fußballübertragungen mit Kurt Brumme im WDR-Studio, aber auch die begleitenden Hörfunkreportagen zum Fernsehbild, das hatte immer mehr Athmosphäre als der Kommentar am Fernsehschirm, insbesondere wenn nur über die Mittelwellensender des WDR übertragen wurde. "Verdammt Schneider, was hat das Ganze mit dem Buch zu tun?", werden jetzt einige zu Recht fragen. Der kleine Junge hat an den ganzen Quatsch geglaubt, an den ganzen Zirkus hat er geglaubt, jeden Müll der Medien hat er für bare Münze genommen. Sicher, es gab Zweifel, aber das deutlich später. 1989, zu einer Zeit als der kleine Junge ohne den Funken Ahnung von Trainingsmethodik immerhin schon mehr als 6000km in den 3 Sommermonaten radelte, kam der erste Rückschlag: Didi Thurau verkündete in der Sport-Bild, dass keiner nur mit Wasser den Berg hochfuhr, auch nicht Bernard Hinault. Der kleine Junge fuhr daraufhin 2 Jahre lang kein Rad, nein, man will nicht übertreiben, sicher spielten auch noch andere Dinge da hinein, aber diese Ausgabe der Sport-Bild ist in Erinnerung geblieben. Der kleine Junge schämt sich auch heute am meisten dafür, dass er der ganzen Branche auf den Leim gegangen ist, er ist sogar schockiert und überrascht gewesen, als Ben Johnson 1988 positiv getestet wurde, er hat jahrelang alles beobachtet - und trotzdem nichts verstanden! Doping von Brigitte Berendonk ist für mich nach wie vor das ultimative Buch zum Doping, denn hier bekommen alle Schönfärber eindeutige Beweise vor Augen geführt, haarklein dokumentiert in der DDR. Das Buch bezieht sich nur auf die Leichtathletik, da es Berendonk und ihrem Mann Werner Franke nur gelungen ist, die Dokumente der Leichtathletik sicherzustellen, aber wer etwas Phantasie hat, kann das Buch als allgemeingültig für alle olympischen Sportarten hernehmen. "Verdammt, hätte man auch noch die Unterlagen vom Schwimmen etc gefunden..." hab ich mir oft gedacht, aber realsitisch betrachtet hätte es keinen großen Unterschied gemacht. Sicher, ein paar Trainer mehr wären wohl jetzt im Ausland tätig, vielleicht wäre einem auch Kristin Otto als Moderatorin im ZDF erspart geblieben, dass aber Heike Drechsler eine der wenigen Sportlerinnen ist, die noch weit über ihre Karriere hinaus hofiert und mit Sponsoren versorgt sein wird, sagt eigentlich alles. Namen, jede Menge Namen, alles Namen, die der kleine Junge im Kopf hatte, hauptsächlich aus der DDR, aber auch einige aus der BRD, in der man natürlich im Vergleich der Systeme mithalten wollte. Kleinere Zirkel, nicht staatlich geplant, aber zumindest geduldet. Verdammt, was hatte sich der kleine Junge über die bundesdeutschen 400m-Läuferinnen gefreut, als diese immer schneller wurden und unter 50sec liefen. Nicht nur der kleine Junge, sondern jeder, der die Sportberichterstattung in den 80ern verfolgt hat, wird sich nach der Lektüre dieses Buches gnadenlos verar.... fühlen, daher mein Rat: wer seine guten Erinnerungen bewahren will, der sollte auf keinen Fall zu diesem Buch greifen.
Bücher
Doping. Spitzensport
als gesellschaftliches Problem. Hier geht's um ein Buch von diversen Autoren, und wer's gelesen hat, wird spätestens danach wissen, dass es sich bei der Dopingthematik nicht um ein paar verwirrte oder besonders skrupellose Betrüger handelt, sondern mehr oder weniger alle, vorsichtig formuliert, nicht ganz unabhängig sind: Trainer, Mediziner, Medien, Politik, Sponsoren, Dopinglabore, Vereine und natürlich insbesondere meine Lieblingsgegner, die Sportverbände. Als Herausgeber fungieren hier die schon immer hart am Thema arbeitenden Leute der NZZ mit Beiträgen von u.a. Thomas Kistner, Gunter Gebauer, Helmut Digel, Wilhelm Schänzer und einem Interview mit einem anonymen Schweizer Ex-Radprofi, bei dem es sich unzweifelhaft um Rolf Järmann handelt. Trotz der düsteren Problematik mal wieder sehr erheiternd war für mich insbesondere Kistners Betrag: "Doping- eine Verschörung auf breiter Ebene". Große Klasse auch der Artikel von Prof. Krüger: "Die Paradoxien des Dopings". Sehr wahrscheinlich, daß sich das Buch für Sportstudiofans als schwerer Schock herausstellen dürfte, denn auch Doping im Fußball wird nicht ausgeklammert: "Die Tabelle als Ort der letzten Wahrheit". Oder um Arnd Krüger zu zitieren: "Die Geschichte des Sports ist die Geschichte der Wettbewerbsverzerrung." oder wie ich's gern formuliere: "Der Mensch an sich ist schon korrupt." Fazit: ein Buch von "Dichtern, Philosophen und Wissenschaftlern", dementsprechend wird's bei den soziologischen und philosophischen Beiträgen manchmal etwas zäh, dennoch eine klare Kaufempfehlung!
Paul Kimmage: Raubeine rasiert Ja, da gibt's schon gar nicht mehr viel zu schreiben, ehrlich gesagt ist's auch schon eine Weile her, daß ich das Buch gelesen habe. Aber ich würde es schon als Klassiker zum Thema Doping einordnen wollen. Der Ire Paul Kimmage ist in den 80ern nach einer erfolgreichen Amateurkarriere 4 Jahre als Profi gefahren, relativ erfolglos, desillusioniert hat er aufgehört und konnte zum Glück noch als Journalist die Kurve kriegen. Das englische Original ist von 1990, seit Covadonga am Start ist, gibt es diesen Standard auch auf Deutsch. Auch wenn Kimmage die damaligen irischen Superstars, Stephen Roche und Sean Kelly, doch recht gut schont, er ist der erste Radprofi, der in größerem Umfang die Verhältnisse dargestellt hat und das ist allein schon sehr ehrenwert. Insbesondere wenn man bedenkt, dass ein erfolgloser Sportler gern mit dem Totschlagargument: "der ist immer nur hinterhergefahren und nur neidisch", konfrontiert wird. Die Reaktionen der anderen Profis auf die Veröffentlichungen Kimmages werden in einem Nachtrag übrigens auch noch ganz gut geschildert, wobei die Heuchelei, Verdrängung, Vertuschung, oder pauschal gesagt : "Das Gesetz des Schweigens" aus heutiger Sicht niemanden mehr überraschen sollte. Fazit: Wer das Buch gelesen hat, wundert sich auch nicht mehr über bestimmte Rennausgänge bei Kriterien...Auch meine Freundin hat's im Trainingslager gern gelesen, bietet sich also auch als Geschenk zum Valentins- oder dem Liebestag an. Meine Wertung: Pflichtlektüre!
Andreas Burkert: Jan Ullrich - Wieder im
Rennen Eigentlich nicht mehr ganz aktuell, veröffentlicht wurde das Buch Ende 2003 nach Ulles großer Comeback-Saison. Weiß auch gar nicht, was mich damals dazu gebracht hat, dieses Buch zu kaufen, da man vom Titel und Klappentext eher auf eine unkritische Geschichte und Glorifizierung mit vielen schönen Bildern, also etwas für ausgewiesene Fans, schließen konnte. Dem war dann aber erfreulicherweise doch nicht so. Der Inhalt ist ganz gut in folgender Passage zusammengefaßt: "Udo Bölts...:"Da komm ich rein und denke:>Mann, ist der übergewichtig!<, und sag zu ihm: >Na Jan, schätze mal so 320 Watt, oder?>" Ullrich habe ihm nur geantwortet, wie heiß es doch im Raum sei, >und dann hab ich draufgeguckt - 450 Watt, und da hat er noch mit mir gesprochen! Da war ich geschockt und bin gleich raus, >okay Jan, ich geh jetzt wieder>." Es geht also um Ulles mangelnde Disziplin, seine Neigung zur Teilzeitarbeit, seinen Hang zur Schokolade, um das Babysittersystem bei Telekom, um "Krisen-Peter" etc., aber auch um sein Jahrhunderttalent und seine Möglichkeiten als einziger Deutscher die Tour gewinnen zu können. Denn bei aller Kritik, Tenor des Buches ist doch eher, dass Ulle inzwischen alles geregelt hat, Gewicht, Motivation und Beziehung und Rückfälle in alte Muster wohl nicht mehr vorkommen werden. Daß es anders gekommen ist, ist bekannt und daß man auch heute noch den Atem anhält, wie Ulle aus der Saisonpause zurückkehrt, ist auch klar. Wertung: Ein fluffiges Buch vom SZ-Redakteur Burkert, das auch wieder aktuell ist. demnächst:
Fred Selin: Das schmutzige Spiel Da soll nochmal einer sagen, dass der kritischen Berichterstattung im deutschen Fernsehen kein Raum gewidmet wird. Fred Selin sah ich neulich in einem Interview zu seinem Buch bei Phönix, Samstagabends um halb 11. Respekt, es gibt sicherlich noch schlechtere Sendeplätze und -orte. War etwas fürs Herz, es durfte sogar angezweifelt werden, daß die "Helden von '54" sich nicht nur gegenseitig und für ihr Land aufgeopfert haben. Selin vertritt wohl auch eine etwas andere Theorie zum Wettskandal in Italien, den DFB-Schiedsrichterobmann Amerell als rein national begrenzte Problematik erkannt haben will. |
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